Interview

Der 6. Österreichische Präventionskongress findet am 30. und 31. Oktober 2017 im Steiermarkhof in Graz statt und ist der gesellschaftliche Polarisierung – absolut | extrem | radikal: was ist problematisch? – gewidmet.

Internationale ExpertInnen aus Wissenschaft, Forschung und Praxis werden an diesen beiden Tagen über die inhaltlichen Themen Phänomene | Perspektiven | Prävention Handlungsanleitungen und vor allem Handlungssicherheiten für Beratung, Prävention und Intervention vor Ort vermitteln.

Zielgruppen sind auch heuer wieder Jugendliche, Eltern, MultiplikatorInnen aus allen Disziplinen (beispielsweise KindergärtnerInnen, PädagogInnen, (Schul-)Sozial- und JugendarbeiterInnen, PolizistInnen, PolitikerInnen, RedakteurInnen, uam.), Verantwortliche in Städten und Gemeinden und andere zivilgesellschaftliche AkteurInnen.

Günther Ebenschweiger ist als Präsident des Österreichischen Zentrums für Kriminalprävention (www.aktivu4.at) und als Geschäftsführer von aktivpraeventiv (www.aktivpraeventiv.at | www.praeventionskongress.at) Gesamtverantwortlicher dieses 6. Österreichischen Präventionskongresses.

Das Interview mit ihm führte Andrea Böhm!

 

Lieber Günther, warum das Thema „Gesellschaftliche Polarisierung“?

Bereits 2014 wurde ich von Eltern, PädagogInnen, Jugend- und SozialarbeiterInnen und PolitikerInnen gefragt, ob ich neben meinen bisherigen Schwerpunkten – sexuelle Gewalt, häusliche Gewalt und Cybermobbing – auch Vorträge und Workshops zu Extremismus und Radikalismus anbiete; kurz gesagt, ich konnte nicht!

Präventive Arbeit bedeutet für mich nicht nur hohe Qualitätsstandards zu leben, sondern auch die Trends gesellschaftlicher Entwicklungen zu erkennen. Daher habe ich bereits 2015 | 2016 am 1. Lehrgang an der Donau-Universität Krems „Neo-Salafistischer Islamismus“ teilgenommen und mit Auszeichnung abgeschlossen. Unmittelbar daran habe ich das Masterstudium „Interreligiöser Dialog“ an der DUK belegt, das ich Ende 2018 abschließen werde.

In der persönlichen Auseinandersetzung mit jugendlichen Entwicklungen, Suchprozessen, Identitätsfindungen, religiösen Gemeinsamkeiten und Differenzen und gleichzeitig mit gesellschaftlichen Auswirkungen von Islamfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus haben wir uns entschlossen an zwei Tagen wieder internationale ExpertInnen einzuladen, um den TeilnehmerInnen im Umgang mit dem brisanten und persönlich herausfordernden Thema Handlungssicherheiten zu vermitteln.

Welche Auswirkungen hat gesellschaftliche Polarisierung aus deiner Sicht?

Mein Leitsatz ist nicht zu bagatellisieren und auch nicht zu dramatisieren, sondern nach gemeinsamen Lösungen zu suchen; was in Österreich nicht immer gut ankommt! Gleichzeitig aber auch nicht nur das Negative zelebrieren und diskutieren, sondern auch die vorhandenen Ressourcen in das Gespräch, in meine Handlung und besonders in meine persönliche Haltung einzubeziehen. Aber genau hier liegt der „Knackpunkt“, weil – ohne das als Vorwurf zu werten – der Großteil der Bevölkerung einerseits zu wenig oder falsches Wissen hat und andererseits eine geballte Ladung an – wenn vorwiegend auch irrationaler – Angst vorhanden ist.

Wenig oder falsches Wissen in Kombination mit viel Angst und damit verbunden einer hohen persönlichen Überforderung in der Erziehung, in der Pädagogik – also in der Arbeit vor Ort – ergeben eine explosive gesellschaftliche Mischung an Vorurteilen und Rassismus, die – schneller als uns eventuell lieb sein kann – zu einem massiven Auseinandertriften führen könnte.

Verschärft wird diese Situation dadurch, dass sich der „Individualismus“ durch unsere Gesellschaft wie ein roter Faden zieht. Wir leben zwar rechtlich gesehen in einer Demokratie, die wird vielfach aber als „Individualkratie“ gelebt. Das heißt, Demokratie verlangt von jedem ein großes Maß an Verbindlichkeit gegenüber der Gesellschaft, dem Anderen und das wiederum erfordert Selbstverantwortung, die aber immer mehr fehlt!

Zusammengefasst bedeutet das „Wir sehen die Dinge nicht so wie sie sind – wir sehen sie so, wie wir sind!“

Radikalismus und Extremismus: was sind Ursachen?

Im Rahmen meines Masterstudiums habe ich mich in einer Facharbeit mit dem Judentum vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart beschäftigt und viele Parallelen zu heute entdeckt.

Die Juden haben über Jahrhunderte versucht sich zu integrieren – sie haben unsere Sprache gelernt, sich nach unseren Vorstellungen gebildet, gekleidet, gelebt, sich vielfach von ihrer Religion abgekehrt; und wurden trotzdem millionenfach Opfer.

Viele MuslimInnen versuchen sich heute zu integrieren; und bekommen auf Grund ihres Aussehens, ihrer Kleidung, ihrer Sprache trotzdem keinen Job, keine Wohnung und werden bereits in jungen Jahren diskriminiert und ausgeschlossen. Das erlebe ich zum Beispiel schon in Volksschulen bei meinen Cybermobbing-Präventions- und Interventions-Workshops.

Besonders in der Pubertät, wenn die eigene Identität immer wichtiger wird, wirken sich diese gefühlten und | oder erlebten negativen Erfahrungen aus. Wenn dann die Eltern und die Gesellschaft keine wirklichen Antworten darauf geben können, beginnen Suchprozesse der Jugendlichen – jetzt vorwiegend im Internet. Und egal ob Rechts- oder Linksextremisten oder Neo-Salafisten – hier finden sie „passende“ Aussagen von schwarz und weiß, gut und böse, Hölle oder Paradies; von einer stark reduzierten, verständlichen und „passenden“ Gesellschaft.

Extremismus und Radikalismus nähren sich grundsätzlich nicht aus der Religion, sondern hauptsächlich aus patriarchalisch geführten Familien mit Brüchen, aus Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen, aus einer mittlerweile überaus komplexen und für den Einzelnen nicht mehr überschaubaren und verständlichen Gesellschaftsordnung. Jugendliche suchen nach dem Motto „Wie will ich leben!“ wieder vermehrt nach dem Sinn des Lebens und finden für sie verständliche, wertschätzende und gemeinsame Antworten derzeit fast nur bei Extremisten!

Es geht dabei vorwiegend um die Attraktivitätsmomente „Werte“, „Wissen“ und „Wahrheit“ bzw. um „Gemeinschaft“, „Gerechtigkeit“ und „Gehorsam“!

Was vermittelt der 6. Österreichische Präventionskongress

Diese Frage möchte ich mit einem Zitat von Nagib Machfus beginnen: „Klug ist, wer die richtigen Antworten weiß, weise, wer die richtigen Fragen stellt!“

Die internationalen ExpertInnen werden

Den Präventionskongress gibt es zum 6. Mal. Was für eine Bilanz ziehst du?

Ich ziehe eine sehr positive Bilanz. Der „Präventionskongress“ hat sich als zentrale Aus-, Fort- und Weiterbildungsveranstaltung etabliert. Wir vernetzen erfolgreich MultiplikatorInnen, ExpertInnen und AkteurInnen aus den Bereichen Prävention, Intervention, Beratung und Praxis. Der Präventionskongress ist aber auch als Informations- und interdisziplinäre Austauschmöglichkeit etabliert.

Das heißt, dass Who ist Who der (Kriminal-)Prävention, Intervention und Beratung ist regelmäßig – ab jetzt jedes Jahr – mit einem abgestimmten Programm (Praxis | Wissenschaft | Forschung) vertreten.

Wir bieten in Vorträgen und Praxis- und Diskussionsforen für TeilnehmerInnen aus dem In- und Ausland aktuelle Erkenntnisse aus der Praxis, Theorie, Wissenschaft und Forschung, zeigen „Good-practice-Modelle“ und beschäftigen uns mit Zukunftsstrategien.

Was ist das Ziel des Österreichischen Präventionskongresses?

Unser zentrales Ziel ist es, einen Beitrag zur Stärkung und zum Schutz der Gesellschaft zu leisten. Durch interdisziplinäre Prävention und Intervention sollen Perspektiven für die Zukunft eröffnet und nachhaltige Effekte für die nächsten Generationen erzielt werden.

Weitere Informationen und die Anmeldung gibt es ab September!

Welche neuen Programme oder Maßnahmen werden noch angeboten?

Das Beccaria-Qualifizierungsprogramm

Das Beccaria-Qualifizierungsprogramm, das 2017 das erste Mal in Österreich angeboten wird, ist eine ausgesprochen kluge Investition für die Zukunft.

Anlass für die Implementierung war die steigende Nachfrage nach einer interdisziplinären ganzheitlichen Präventionsausbildung. Die erfolgreich angelaufene modulare Qualifizierung „Fachkraft für Kriminalprävention“ richtet sich an all diejenigen, die im (kriminal-)präventiven Bereich tätig sind und ihre Kenntnisse in Kriminologie, Kriminalprävention sowie in Projektmanagement erweitern möchten. Städte, Gemeinden, Vereine, Organisationen, Institutionen und Firmen sollen in ihrer Arbeit unterstützt werden.

Durch die weitere Qualifizierung von Verantwortlichen und MitarbeiterInnen im Rahmen dieser Fortbildung profitiert die präventive Arbeit vor Ort entscheidend – Prävention ist daher eine sinnvolle Investition in Lebensqualität und Zukunft einer Gesellschaft.

Daher sind vor allem BürgermeisterInnen, GemeinderätInnen, BezirksvorsteherInnen, aber auch alle aus den Bereichen Soziales, Familie, Kinder, Bildung, Jugend, Gesundheit und Sicherheit tätigen MultiplikatorInnen angesprochen.

Beccaria umfasst für die TeilnehmerInnen eine interdisziplinäre ganzheitliche Präventionsausbildung und soll dazu beitragen, die Qualität der Arbeit vor Ort zu verbessern und auf eine nachhaltig wirkende Prävention zu setzen.

Hierzu zählt u.a.:

Alle weiteren Informationen findet man auf www.beccaria.at und auch auf www.beccaria-qualifizierungsprogramm.de.

Das (Cyber-)Mobbing-Zentrum

Cybermobbing – das System der Schikane – „explodiert“!. Weinende SchülerInnen, betroffene PädagogInnen, überraschte Eltern!

Mobbing unter Kinder und Jugendlichen geschieht in erster Linie zuhause, in der Freizeit und im Sozialraum Schule und es passiert im virtuellen Raum. Die Handys, die sozialen Plattform, die Chatforen usw. werden damit vom Mittel zur Waffe.

Cybermobbing ist deshalb verletzend und so schädigend, weil Opfer in ihrem ganzen Lebensumfeld damit belastet werden. Die Eltern und PädagogInnen erfahren zumeist gar nichts davon, weil Opfer Angst haben; Angst, dass sie bloßgestellt werden; Angst, dass sie zum Petzer abgestempelt werden; Angst, dass ihnen niemand glaubt; Angst, ihre Freunde zu verlieren; Angst, dass sie noch mehr zum Opfer werden; Angst, vor den von ihnen nicht einschätzbaren Konsequenzen!

Dabei geht es nicht um Schwarzmalerei oder darum, Ängste zu schüren. Im Gegenteil, es geht darum, tausende Kinder und Jugendliche zu schützen und zu stärken und (Cyber-)mobbing-Opfern zu helfen.

Beginnt klein und endet dramatisch! Leider – und das ist für die jungen Opfer so fatal – gibt es ein immenses Wissensdefizit über dieses multidimensionale und phasenorientierte Gewalt-Phänomen.

Die Zahlen: 28 Prozent und damit tausende betroffene Opfer im Alter von neun bis 17 Jahren, in neun von zehn Klassen gibt es (Cyber-)Mobbing und vier Prozent der Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert, sind alarmierende Zahlen und Aussagen von ExpertInnen.

Bei meinen 36 ein- bzw. mehrtägigen Workshops von Jänner bis Juni 2017 konnte ich 28 Opfern helfen; von der Volksschule über NMS, Unter- und Oberstufe Gymnasium bis zur Fachschule.

Multidimensional und phasenorientiert: (Cyber-)Mobbing ist kein Randphänomen und die Kräfte die dahinter stehen sind enorm. Multidimensional bedeutet, dass (Cyber-)Mobbing abhängig ist von der Erziehung bzw. den Erziehungsstilen und der Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen, vom Sozialraum Schule und hier besonders von der Klassenzusammensetzung und dem Schulweg und auch von der Freizeitgestaltung der SchülerInnen. Das verlangt einen professionellen und multidimensionalen (Cyber-)Mobbing-Präventions- und Interventionsansatz!

Das Österreichische Zentrum für Kriminalprävention (www.aktiv4u.at) startet in Kooperation mit der Plattform für Kriminalprävention (www.aktivpraeventiv.at) im Herbst 2017 mit dem neuen (Cyber-)Mobbing-Zentrum mit einem Angebot gegen (Cyber-)Mobbing – Ausbildung | Beratung | Prävention | Intervention – für alle; Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Organisationen und Firmen!

Wir suchen noch SponsorInnen und | oder SpenderInnen, die mithelfen, dieses Angebot dauerhaft zu sichern, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu stärken und zu schützen!

 

Für Rückfragen erreichen Sie Günther Ebenschweiger unter der Telefonnummer
+43-676-4 25 4 25 4 oder über info@ebenschweiger.at.

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